Treme – New Orleans lebt!

„Are you saying New Orleans is not a great city? A city that lives in the imagination of the world?“

John Goodmans empörte Worte an einen arroganten englischen Reporter setzen den Ton für David Simons neue Serie, die in den USA seit April 2010 über den Kabelsender HBO zu empfangen ist.

Wie schon in der mit mehrjähriger Verspätung auch in Europa gefeierten Serie „The Wire“ gibt es in „Treme“ keine Hauptfiguren im konventionellen Sinn. Anhand einer Gruppe von Einwohnern aus den unterschiedlichsten Milieus (Goodman als zwischen Wut und Verzweiflung schwankender Uniprofessor, diverse Straßenmusiker, Polizisten, ein Jazzposaunist, ein liebenswert-durchgeknallter Radio-DJ, zugereiste Krisenprofiteure, eine Köchin & Restaurantbesitzerin, ein Mardi Gras-Indianerhäuptling, eine Anwältin, eine Barbetreiberin usw.) wird das Portrait einer Stadt als lebender Organismus gezeichnet. Tremé heißt der Stadtteil, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt.

New Orleans ist auch Monate nach der Heimsuchung durch den Hurricane Katrina nurmehr ein Schatten seiner selbst. Schuld daran sind nicht nur die Zerstörungen durch die Naturkatastrophe, sondern – in Goodmans Worten – ein „federal fuck-up of epic proportions“:

Betrügerische Versicherungen, ein verschleppter Wiederaufbau, scheinbar unkontrollierte Polizeigewalt gegen die Bürger, ganze Bevölkerungsschichten (arm, schwarz), denen die Rückkehr in ihre Häuser verweigert wird…

Dem gegenüber steht der zähe Stolz der Stadtbewohner, der sich in spontanen Ausbrüchen von Lebensfreude bei den Second Line Straßenparaden oder beim Mardi Gras Ausdruck verschafft.

John Goodman ist der einzige wirkliche Star, der in „Treme“ mitspielt. Serienfans werden aber viele vertraute Gesichter aus anderen HBO-Serien wiedererkennen. Das großartige HBO-Schauspielerensemble erinnert mittlerweile ein wenig an die „Stock Company“ von John Ford. Es mag paradox erscheinen, aber die besten Schauspieler findet man heute nicht in Hollywood sondern in Fernsehserien!

Die eigentlichen Helden von „Treme“ sind aber die unzähligen Musiker, die in den einzelnen Episoden auftauchen: Dave Bartholomew, Allen Toussaint, Dr. John, Trombone Shorty, die Soul Queen of New Orleans Irma Thomas, Lloyd Price, die Neville Brothers u.v.a.

Fast die gesamte noch lebende Musikaristokratie der Stadt hat Gastauftritte. (Nur Fats Domino fehlt bislang.)

Hier wird nicht nur einer großen Musiktradition ein Denkmal gesetzt. Die beispiellos upliftende Musik, egal ob Dixieland Jazz, R&B, Soul, Funk, Cajun oder ein relativ neuer elektronischer Stil wie Bounce, hilft den Bewohnern der Stadt, in Würde zu überleben und ihre Identität zu bewahren.

In der Imagination von uns europäischen Musikfans ist New Orleans als musikalisches und spirituelles Zentrum des „anderen Amerika“ sowieso unsterblich.

Die erste Staffel von „Treme“ ist als teure englische Import-DVD erhältlich, Staffel 2 kann man als Europäer bislang nur in Form illegaler Downloads sehen.

Hier gehts zum Trailer:

http://www.youtube.com/watch?v=2jnSzAI3gCQ

Und hier noch ein guter Blog zur Serie:

http://www.watchingtreme.com/

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