Lester Bangs und die mystische Offenbarung des Dub

bangs1Der große amerikanische Musikschreiber Lester Bangs besucht vor ziemlich genau 40 Jahren Jamaica und macht dort eine interessante Entdeckung:

„Was mich an Jamaica beeindruckt hat: es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem die Leute ihre Musik lauter abspielen als ich. Wenn du dort einen Plattenladen betrittst, schmettert sie dir gefährlich nahe an der Schmerzgrenze um die Ohren. Der Verkäufer spielt Deejay, switcht zwischen zwei Plattenspielern und zwei Boxen, eine davon im Laden, die andere auf die Straße gerichtet, sodass es in deiner Birne hin und herscheppert wie im Inneren eines Flippers.

Hier wird die hintergründige Gewalt spürbar, die der vermeintlich sanften, entspannten Reggaemusik zugrunde liegt. Viele dieser Platten bestehen aus nicht viel mehr als einem Rhythmusgerüst und zwei, drei abgehackten Gitarrenakkorden. Keine Solos. Darüber plärrt einer kaum verständliche Worte. Aber dieser Rhythmus ist unerbittlich, das Gitarrenstakkato messerscharf, und der Sänger erzählt von Straßenkampf und Unterdrückung.

Mir ist noch keine Musik untergekommen, die auf so wunderbare und ausgefeilte Art den Hörer selbst zum Künstler werden lässt. Jede Single hat nämlich eine Instrumentalversion auf der B-Seite, die es dem Deejay erlaubt, seinen eigenen ausgespaceten Wortschwall über den Rhythmustrack zu legen. Im jamaikanischen Radio hörst du kaum Reggae, darum kommen die meisten Deejays von der Straße, wo man regelmäßig roots discos aufbaut. Dieser Sound System-Szene sind Deejay-Stars wie Big Youth und I Roy entsprossen, die gemeinsam mit Produzenten wie Lee Perry und King Tubby als Pioniere jener faszinierenden hi-tech Volkskunst gelten, die sich Dub nennt.

[…]

Das Schlüsselmoment im Dub ist Spontaneität. Auf bemerkenswert kreative Art wird mit bereits existierenden Platten eine neue Klangskulptur modelliert. Der Typ, der die Platten spielt, wird zum Performer. Das setzt sich im Plattenladen fort, wo die Angestellten fingerfertig wie Zauberkünstler mittels Umschichtung von Spuren und Lautstärkelevels sowie kreativer Lautsprecherpositionierung einen ebenso tanzbaren wie hochkomplexen sonic riot (wienerisch: Bahöö) produzieren und dabei im Geist neue Musik entstehen lassen.

Ich kontrolliere die Regler.“

(Innocents in Babylon, veröffentlicht im Creem Magazine, June-July 1976, frei übersetzt von Michael Grasberger)

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Der junge Elvis im Blitzlicht

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Ich habe mal die Theorie aufgestellt, dass Elvis Presley die meistfotografierte Person des 20. Jahrhunderts war, und das obwohl er nur 42 Jahre alt wurde.
Einige meiner persönlichen Lieblingsfotos stammen vom August 1956, also aus der hektischen Zeit unmittelbar vor den legendären TV-Auftritten in der Ed Sullivan Show, die für Elvis den endgültigen Durchbruch zum Superstar bedeuten sollten. Der Fotograf Jay B. Leviton, damals 33 und selber eher ein Freund klassischer Musik, durfte den ihm bis dahin völlig unbekannten Sänger auf einer Kurztournee durch Florida begleiten.

Levitons Unbefangenheit erwies sich als Glücksfall.
Im Unterschied zu Alfred Wertheimer, auf dessen im selben Jahr aufgenommenen, allerdings ungleich berühmteren Fotos Elvis bereits als Ikone in Erscheinung tritt, zeigen uns die hochdynamischen Bildern Levitons zum letzten Mal Elvis in Rohform. Leviton legt den Akzent ganz auf die Interaktion zwischen dem Sänger und den ihn ständig umschwirrenden Fans, Freunden, Mitmusikern, Reportern, Polizisten, Kellnern, Lokalprominenten etc., die unserem Helden von den Bildrändern aus immer wieder faszinierte, amüsierte, bewundernde oder verstörte Blicke zuwerfen.
Something is happening here…das haben offensichtlich alle gespürt, die in die Reichweite des Presley’schen Charismas kamen.

Unser Fotograf jedenfalls hatte „all access“, sogar auf die Bühne, von wo aus er mit seiner Leica Kamera die Voodoomomente einfangen konnte, in denen ein ganzes Funkengewitter vom Performer zu seiner Crowd übersprang.
Dazu passt der Beiname, mit dem die Naturgewalt Elvis Presley auf den Konzertbühnen des Südens angesagt wurde, bevor er zum „King“ mutierte: „The Memphis Flash!“

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(Die Bilder wurden dem 1989 erschienenen Buch „Elvis Close-Up“ von Jay Leviton und Ger Rijff entnommen. ISBN: 0-7126-2939-4)

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Happy birthday, Robert Crumb!

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Robert Crumb, genialer Comiczeichner und Musiknarr, feiert heute seinen 70er. Am bekanntesten dürfte wohl sein „Fritz the Cat“ sein, zu seinen besten Werken zählen neben diversen Plattencovers für Janis Joplin oder für Blues-Compilations auf Yazoo Records die farbenprächtigen „trading cards“ mit amerikanischen Blues-, Jazz- und Countrymusikern, die später auch in Buchform unter dem Titel „R. Crumb’s Heroes of Blues, Jazz & Country“ erschienen sind. Schwerste Empfehlung!

Zur Rockmusik und den jeweiligen Jugendkulturen, aus denen sich seine Fans rekrutierten, behielt Crumb immer eine gewisse ironische Distanz, die in comic strips wie „Purple Haze“ ihren spöttischen Ausdruck fand, wo ein heftig trippender Jimi Hendrix durch die Bilder taumelt. Aber auch die eigene Nerd-Existenz als Shellacksammler blieb nicht von seinem Witz verschont (siehe Titelbild). Naturgemäß hat Crumb im Lauf seiner Karriere auch die politisch Korrekten auf den Plan gerufen und musste sich als „Rassist“, „Sexist“ und „filthy weirdo“ beschimpfen lassen. Aber Hand aufs Herz, sind wir Musikfreaks nicht alle filthy weirdos?

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Lewis Lymon: eine Teenage-Legende tritt ab.

Frankie Lymon & The Teenchords 1957

Am 9. Juli dieses Jahres ist LEWIS LYMON, in frühen Teenagerjahren Leadsänger der Doo Wop-Gruppe THE TEENCHORDS, 69jährig verstorben. Entdeckt wurde das (gemischtrassige!) Quintett aus Harlem vom legendären New Yorker Independent-Record Man Bobby Robinson, der das Debut der Band 1957 auf seinem frischgegründeten Fury-Label herausbrachte.

Es folgten eine Handvoll weiterer Singles, Shows im Apollo Theatre, Tourneen mit Alan Freed und ein Auftritt im Musikfilm „Jamboree“. 1958 war es schon wieder vorbei mit den Teenchords, und Lymon’s weitere Karriere verlief wechselhaft. Immerhin hatte er mehr Glück als sein berühmterer Bruder Frankie, der 25jährig einer Überdosis Heroin zum Opfer fiel, und konnte sich in späteren Jahren mittels diverser Reunions und Auftritten in Oldie-Zirkeln das Überleben sichern. Letztes Jahr gab es noch eine späte Geldspritze, als Google Chrome den Doo Wop-Klassiker „I’m So Happy“ für einen Werbejingle verwendete.

http://www.youtube.com/watch?v=aF06DKW-89U

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Juneteenth 1956

Juneteenth (19. Juni): Amerikanischer Feiertag, an dem der Abschaffung der  Sklaverei gedacht wird. Das Foto oben zeigt den jungen Elvis Presley am Juneteenth 1956 in den Fairgrounds, dem Vergnügungspark von Memphis. An jenem Tag war der Park nur für Schwarze geöffnet, aber Elvis hat sich den rassistischen Gepflogenheiten bewusst widersetzt und sich unters Volk gemischt.

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Treme – New Orleans lebt!

„Are you saying New Orleans is not a great city? A city that lives in the imagination of the world?“

John Goodmans empörte Worte an einen arroganten englischen Reporter setzen den Ton für David Simons neue Serie, die in den USA seit April 2010 über den Kabelsender HBO zu empfangen ist.

Wie schon in der mit mehrjähriger Verspätung auch in Europa gefeierten Serie „The Wire“ gibt es in „Treme“ keine Hauptfiguren im konventionellen Sinn. Anhand einer Gruppe von Einwohnern aus den unterschiedlichsten Milieus (Goodman als zwischen Wut und Verzweiflung schwankender Uniprofessor, diverse Straßenmusiker, Polizisten, ein Jazzposaunist, ein liebenswert-durchgeknallter Radio-DJ, zugereiste Krisenprofiteure, eine Köchin & Restaurantbesitzerin, ein Mardi Gras-Indianerhäuptling, eine Anwältin, eine Barbetreiberin usw.) wird das Portrait einer Stadt als lebender Organismus gezeichnet. Tremé heißt der Stadtteil, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt.

New Orleans ist auch Monate nach der Heimsuchung durch den Hurricane Katrina nurmehr ein Schatten seiner selbst. Schuld daran sind nicht nur die Zerstörungen durch die Naturkatastrophe, sondern – in Goodmans Worten – ein „federal fuck-up of epic proportions“:

Betrügerische Versicherungen, ein verschleppter Wiederaufbau, scheinbar unkontrollierte Polizeigewalt gegen die Bürger, ganze Bevölkerungsschichten (arm, schwarz), denen die Rückkehr in ihre Häuser verweigert wird…

Dem gegenüber steht der zähe Stolz der Stadtbewohner, der sich in spontanen Ausbrüchen von Lebensfreude bei den Second Line Straßenparaden oder beim Mardi Gras Ausdruck verschafft.

John Goodman ist der einzige wirkliche Star, der in „Treme“ mitspielt. Serienfans werden aber viele vertraute Gesichter aus anderen HBO-Serien wiedererkennen. Das großartige HBO-Schauspielerensemble erinnert mittlerweile ein wenig an die „Stock Company“ von John Ford. Es mag paradox erscheinen, aber die besten Schauspieler findet man heute nicht in Hollywood sondern in Fernsehserien!

Die eigentlichen Helden von „Treme“ sind aber die unzähligen Musiker, die in den einzelnen Episoden auftauchen: Dave Bartholomew, Allen Toussaint, Dr. John, Trombone Shorty, die Soul Queen of New Orleans Irma Thomas, Lloyd Price, die Neville Brothers u.v.a.

Fast die gesamte noch lebende Musikaristokratie der Stadt hat Gastauftritte. (Nur Fats Domino fehlt bislang.)

Hier wird nicht nur einer großen Musiktradition ein Denkmal gesetzt. Die beispiellos upliftende Musik, egal ob Dixieland Jazz, R&B, Soul, Funk, Cajun oder ein relativ neuer elektronischer Stil wie Bounce, hilft den Bewohnern der Stadt, in Würde zu überleben und ihre Identität zu bewahren.

In der Imagination von uns europäischen Musikfans ist New Orleans als musikalisches und spirituelles Zentrum des „anderen Amerika“ sowieso unsterblich.

Die erste Staffel von „Treme“ ist als teure englische Import-DVD erhältlich, Staffel 2 kann man als Europäer bislang nur in Form illegaler Downloads sehen.

Hier gehts zum Trailer:

http://www.youtube.com/watch?v=2jnSzAI3gCQ

Und hier noch ein guter Blog zur Serie:

http://www.watchingtreme.com/

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